Vortrag des Mediziners PD Dr. Karl-Dieter Johannsmeyer über "Arztbilder und ärztliche Empathie" an der MLU Halle

Am 18. Juni 2015 hat der Mediziner PD Dr. Karl-Dieter Johannsmeyer im Rahmen des Seminars "Literarische Repräsentationen von Arzt und Hauslehrer in russischen Erzähltexten" einen Vortrag über "Arztbilder und ärztliche Empathie" am Seminar für Slavistik der Universität Halle gehalten (10-12 Uhr, Universitätsplatz, Melanchth., HS D).

Bereits im Mai 2012 hatte er über "Empathie und Tabu in der Medizin" an der MLU referiert. Karl-Dieter Johannsmeyer ist habilitierter Spezialist für Gynäkologie (u.a. mit Studien über das Zervixkarzinom) , hat Fachärzte ausgebildet, ist bis 2010 Chefarzt an der Park-Klinik Weißensee in Berlin gewesen und derzeit Vorstandsmitglied des IFETÜ. Er ist Autor von Beiträgen über ärztliche Empathie und Tabuzonen in der Medizin sowie Mitherausgeber des 2014 in Berlin bei Frank & Timme erschienenen Bandes "Empathie im Umgang mit dem Tabu(bruch). Kommunikative und narrative Strategien".

Ausgehend vom Hippokratischen Eid (u.a. kein tödliches Gift und kein Abtreibungsmittel verabreichen, nicht schneiden, kein geschlechtlicher Missbrauch, Schweigepflicht) diskutierte Karl-Dieter Johannsmeyer auf einer historischen Folie aktuelle medizinethische Aspekte und Normen. In diesem Kontext wurden unter dialogischer Einbeziehung von Studierenden und Gästen Tabuthemen wie Tod, Sterbehilfe, Krebs, Sexualität und Gewalt erörtert. Der Referent hat auf das Patientenrechtegesetz (Notwendigkeit einer lückenlosen Aufklärung) verwiesen und für eine Arzt-Patient-Kommunikation auf Augenhöhe plädiert. Hierbei war - unter Bezugnahme auf neue Studien und Forschungen über Empathie und Spiegelneuronen - die Frage ärztlicher Empathie zentral. Deutlich wurde, dass Empathie hier weniger Mitleiden bedeutet, als Einfühlungsvermögen sowie mitfühlende und sensible Teilnahme an den Problemen der Patientin/des Patienten. Der Referent reflektierte über die Trainierbarkeit von Empathie in der ärztlichen Ausbildung und verwies auf das Vorbild von Lehrern, aber auch auf wenig empathische fachliche Spezialisten. Er ist auf seine eigene Notarzterfahrung und Selbstzweifel von Ärzten in Grenzsituationen eingegangen. Zudem thematisierte der Referent die eigene Konfrontation mit sexuellen Tabus im Zusammenhang mit Aufklärungsdiskursen.

Karl-Dieter Johannsmeyer hat in seinem Vortrag literarische Texte einbezogen, die im medizinischen Bereich bzw. im Krankenhaus angesiedelt sind und/oder für das ärztliche Handeln zentral sind. Ausgehend von einer mit expressionistischer Offenheit dargestellten Visite in Gottfried Benns "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" (1912), in denen Metaphern wie zerfallene Schöße und Brüste verwendet werden, hat der Referent Empathie-Aspekte von Michail Bulgakovs 1927 erschienenen "Aufzeichnungen eines jungen Arztes" ("Zapiski junogo vracha") erörtert, um dann auf die 1967 erschienen Reflexionen über ärztliche Empathie und Praxis sowie medizinethische Perspektiven eines englischen Landarztes zu verweisen (John Berger/Jean Mohr: "A Fortunate Man. The Story of a Country Doctor"; in deutscher Sprache: "Geschichte eines Landarztes").

Die Studierenden und ZuhörerInnen haben sehr von der substanziellen und spannenden interdisziplinären Erörterung eines hochbrisanten medizinethischen Problem-Feldes, sowie von der stets auf Dialog angelegten Vortragsweise des praxiserfahrenen und authentischen Arztes profitiert und freuen sich auf weitere Begegnungen mit Herrn PD Dr. Karl-Dieter Johannsmeyer!      

            

Forschungsbezogene Seminare an der MLU

Seit einigen Jahren führt Prof. Dr. Lehmann-Carli mit Studierenden an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Seminare durch, in denen neue Forschungsansätze im Kontext von Empathie und Tabu in die kultur- und literaturwissenschaftliche universitäre Lehre integriert werden. Zudem können Studierende an den Workshop des IFETÜ teilnehmen.

SS 2015: MA-Seminar "Grenzerfahrungen und der Umgang mit kollektiven Traumata in Polen und Russland"

SS 2015: Seminar "Literarische Repräsentationen von Arzt und Hauslehrer in russischen Erzähltexten": Am 18.06.2015 mit Gastreferent PD Dr. Karl-Dieter Johannsmeyer über "Arztbilder und ärztliche Empathie" 

WS 2014/15: (Zusammen mit Prof. Dr. Angela Richter:) MA-Seminar "Empathie-Konzepte"

WS 2014/15: MA-Seminar "Narrative Strategien im Umgang mit dem Tabu(bruch) in der russischen und polnischen Literatur"

WS 2014/15: Seminar "Tabuzonen in der polnischen und russischen Kultur"

SS 2014: Seminar "Tabu(bruch) und Trauma in Texten der russischen Literatur"

WS 2013/14: MA-Seminar "Gedächtnisorte und (kollektive) Traumata in Polen und Russland"

WS 2012/13: MA-Seminar "Erinnerung und Tabu"

SS 2012: Seminar "Grenzerfahrungen und Tabubrüche in der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts" (Mit Gastreferent PD Dr. Karl-Dieter Johannsmeyer)

SS 2011: Seminar "Empathie und Tabu(bruch) in der russischen Literatur"     

Beispiele aus der Praxis von Projektbeteiligten

Um die produktive Wechselbeziehung zwischen Forschungen im Kontext von Empathie und Tabu(bruch) und der beruflichen sowie ehrenamtlichen Praxis zu befördern werden hier sukzessiv beispielhafte Projekte von Beteiligten des "Interdisziplinären Forschungskreises Empathie – Tabu – Übersetzung e.V." vorgestellt.

Gesprächskreis für Angehörige Halle (S.) und Umgebung

Unter der Leitung der Dipl.-Psychologin Dr. Ute Berndt soll der Angehörigenkreis betroffenen Menschen eine Plattform für gegenseitige Entlastung, Unterstützung und Ideenaustauch bieten. Ute Berndt sichert dabei die professionelle Begleitung durch eine onkologisch erfahrenen Psychologin ab.

Die Diagnose Krebs und die Belastungen der Therapie werden oft nicht nur von den betroffenen Patienten als kritisches Lebensereignis wahrgenommen. Daher stellt diese Situation für viele Familien und andere Bezugspersoneneine schwere Belastung dar. Die Familie und andere den Krebspatienten nahestehende Menschen stehen oftmals einer doppelten Herausforderung gegenüber. Einerseits ist die emotionale Dimension zu bewältigen, andererseits müssen auch viele Dinge des Alltags gemeistert werden.

Als häufige Fragen, die sich stellen, listet die Sachsen-Anhaltische Krebsgesellschaft e.V. auf ihrer Homepage folgendes auf:

  • Wie kann ich mit den daraus resultierenden Belastungen gut umgehen?;
  • Wo kann ich bei mir Ressourcen entdecken?;
  • Wofür brauche ich Unterstützung und Anregungen?;
  • Woher kann ich diese bekommen?;
  • Was hat sich bereits bewährt und ist auch für andere Betroffene hilfreich?;
  • Welches Maß an Unterstützung ist für die Patienten individuell angemessen?;
Der Gesprächskreis (die Teilnahme ist kostenfrei) trifft sich jeden 3. Montag im Monat von 18:00 – ca. 19:30 Uhr im Lesecafé "ONKO-logisch", Sachsen-Anhaltische Krebsgesellschaft e.V., Paracelsusstr. 23, D-06114 Halle (S.).

Weitere Informationen:

 

 

Zum weiterlesen sei außerdem empfohlen:

 

Beitrag von Ute Berndt über den Gesprächskreis für Angehörige in:

"Leben. Das Mitteilungsblatt der Sachsen-Anhaltischen Krebsgesellschaft e.V.

Jahrgang 15, Ausgabe 02/2015, S. 24–25.

 

 

 

 

 

 

Hilmar Preuß, 04.06.2015

   

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